Da dove soffia il vento – e verso dove ci stiamo dirigendo (DE)
Berna, 19.08.2026 — Discorso del consigliere federale Ignazio Cassis, capo del dipartimento federale degli affari esteri (DFAE), in occasione della Conferenza delle ambasciatrici e degli ambasciatori 2026 a Berna. L’ospite d’onore era il ministro degli esteri tedesco Johann Wadephul – Fa fede la versione orale.
Vom Süden in den Norden
Herr Bundesminister, lieber Johann,
liebe Mitarbeitende,
geschätzte Gäste,
meine Damen und Herren
Genau vor einem Jahr war unser italienischer Kollege Antonio Tajani Gast dieser Konferenz.
Damals sprach ich vom Wind, der aus dem Süden weht.
Vom Mittelmeer. Vom Mare Nostrum.
Seit Jahrtausenden ein Raum tiefgreifender Veränderungen – mit einer Kraft, die ganz Europa und weit darüber hinaus erfasst.
Ich sprach von der griechischen Polis, vom römischen Recht, von der Renaissance.
Aber auch von den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit.
Meine Botschaft war einfach:
Wer verstehen will, wohin sich Europa bewegt, muss spüren, woher der Wind kommt.
Nun, ein Jahr später, kommt unser Ehrengast aus dem Norden.
Lieber Johann,
du bist aufgewachsen zwischen zwei Meeren: der Nordsee und der Ostsee. Unweit von Lübeck, einst direkt am Eisernen Vorhang.
Lübeck ist auch die Geburtsstadt von Thomas Mann. Und Thomas Mann wiederum, machte unsere Schweizer Berge zum Schauplatz seines Zauberbergs.
Heute schliesst sich der Kreis gewissermassen:
Von den Meeren des Nordens kommst du zu uns ins Herz der Alpen.
Herzlich willkommen in Bern!
Deine Anwesenheit ist für uns eine grosse Freude – und ein Zeichen der Freundschaft und des Vertrauens zwischen Deutschland und der Schweiz.
Ein gemeinsamer Lebensraum
Unsere beiden Länder verbindet sehr viel.
Eine gemeinsame Grenze. Eine gemeinsame Kultur. Und in gewisser Weise sogar eine gemeinsame Sprache – wobei ich nicht weiss, ob dir mein Tessiner Hochdeutsch oder das Bärndütsch näher ist...
Deutschland ist unser wichtigster Handelspartner.
Mehr als 100'000 Schweizer leben in Deutschland. Über 300'000 Deutsche leben in der Schweiz.
Unsere Gesellschaften sind eng miteinander verflochten.
Das sind nicht einfach Beziehungen zwischen zwei Staaten.
Es ist ein gemeinsamer Lebensraum.
Und vielleicht verbindet uns noch etwas: der Föderalismus, die Achtung vor unseren Institutionen – und eine gewisse Skepsis gegenüber allzu einfachen Lösungen.
Manchmal auch die bemerkenswerte Fähigkeit, so lange zu diskutieren, bis am Ende alle gleichermassen … unzufrieden sind.
Man nennt das dann einen guten Kompromiss.
Auch das ist europäische Kultur!
Die lange Perspektive
Meine Damen und Herren,
Europa wurde natürlich nie nur vom Süden geprägt.
Die grossen Wanderungen Europas haben ihre Spuren auch in der Schweiz hinterlassen:
Alemannen im Norden und Osten.
Burgunder im Westen.
Und südlich der Alpen die Welt der Langobarden.
In unserer heutigen Vielfalt lebt etwas von dieser jahrhundertealten europäischen Geschichte weiter.
Und während im Süden die Polis entstand, bildete sich im Norden Jahrhunderte später die Hanse: ein Netz von Städten, Häfen und Handelswegen, das Europa miteinander verband.
Menschen wanderten.
Waren zirkulierten.
Ideen verbreiteten sich.
Grenzen verschoben sich.
Europa war nie statisch.
Es war immer Bewegung, Begegnung und Veränderung.
Warum erzähle ich Ihnen das?
Nicht aus Nostalgie.
Sondern weil uns gerade in unsicheren Zeiten der Blick zurück helfen kann, nach vorne zu schauen.
Die Geschichte gibt uns keine Landkarte für die Zukunft.
Aber sie gibt uns einen Kompass.
Aussenpolitik ist Innenpolitik
Lieber Johann,
seit bald neun Jahren bin ich Aussenminister.
Und wenn es einen Satz gibt, den meine Mitarbeitenden – und inzwischen wohl auch halb Bundesbern – von mir kennen, dann diesen:
Aussenpolitik ist Innenpolitik!
Denn was draussen geschieht, bleibt längst nicht mehr draussen.
Ein Krieg verändert unsere Sicherheit.
Eine Krise am Persischen Golf unsere Energieversorgung.
Ein Handelskonflikt unsere Arbeitsplätze.
Migration unsere innenpolitischen Debatten.
Aber «Aussenpolitik ist Innenpolitik» bedeutet für mich auch das Umgekehrte.
Unsere Aussenpolitik muss demokratisch im eigenen Land verankert bleiben.
Wir bewegen uns in internationalen Organisationen, Hauptstädten und Verhandlungen – in Welten mit ihren eigenen Prioritäten und vor allem ihrer eigenen Logik.
Aber unser Bezugspunkt bleibt die Schweiz.
Wir vertreten die Schweiz, wie sie ist: mit ihrer direkten Demokratie, ihrem Föderalismus, ihrer Vielfalt und ihren unterschiedlichen politischen Sensibilitäten.
Unsere Aufgabe ist deshalb, in beide Richtungen zu übersetzen:
die Welt … für die Schweiz –
und die Schweiz … für die Welt.
Lieber Johann,
in unseren Gesprächen hatte ich den Eindruck: Du siehst es ähnlich.
Vielleicht ist es schlicht Ausdruck unserer Zeit:
Aussenpolitik und Innenpolitik lassen sich immer weniger voneinander trennen.
Mitten in Europa
Für die Schweiz hat diese Erkenntnis eine unmittelbare Konsequenz.
Wir liegen im Herzen Europas.
Wir sind kein Mitglied der Europäischen Union.
Aber wir sind Teil Europas.
Europa ist grösser als die Europäische Union. Gleichzeitig ist die EU für die Schweiz ein unverzichtbarer Teil unserer europäischen Realität.
Sicherheit, Migration, Energie, Technologie, wirtschaftliche Abhängigkeiten:
Keine dieser Herausforderungen hält an einer Landesgrenze an.
Deshalb ist es für eine Schweiz im Herzen Europas keine Option, am Rand zu stehen.
Für uns bedeutet das: den bilateralen Weg mit der EU fortzuführen.
Er ist der schweizerische Weg:
ein pragmatischer Weg zwischen Eigenständigkeit und Zusammenarbeit, zwischen Identität und wirtschaftlicher Vernunft, zwischen politischem Willen und geografischer Realität.
Lieber Johann,
Deutschland spielt dabei eine besondere Rolle.
Denn unser Verhältnis zu Europa entscheidet sich nicht allein in Brüssel.
Europa entsteht auch zwischen Nachbarn.
Tag für Tag.
Wenn der Wind dreht
Liebe Mitarbeitende
Geschätzte Damen und Herren,
die Geschichte lehrt uns, dass sich die Winde immer wieder ändern.
Heute tun sie es mit einer Geschwindigkeit, die uns herausfordert.
Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt.
Die Konkurrenz der Grossmächte verschärft sich.
Regeln werden infrage gestellt.
Abhängigkeiten werden zu Verwundbarkeiten.
Gleichzeitig verändert die Technologie die Machtverhältnisse.
Künstliche Intelligenz. Quantenwissenschaften. Biotechnologie.
Sie verändern unsere Wirtschaft, unsere Sicherheit, unsere Abhängigkeiten – und letztlich unsere Vorstellung von Souveränität.
Technologie war der Politik oft voraus.
Neu ist die Geschwindigkeit, mit der sich der Abstand vergrössert.
Darauf müssen wir eine Antwort finden.
Und genau deshalb sind wir diese Woche hier.
Früher verstehen
Eine Botschafterkonferenz ist natürlich auch ein Familientreffen des EDA.
Aber sie ist mehr.
Sie ist ein Moment, um Abstand vom Alltag zu nehmen. Über den Horizont hinauszuschauen. Zu erkennen, was auf uns zukommt.
Foresight.
Nicht die Zukunft voraussagen.
Sondern:
früher beobachten.
schneller verstehen.
rechtzeitig handeln.
Denn das Wissen, das wir dafür brauchen, befindet sich längst nicht mehr nur in Ministerien. Es entsteht auch in Universitäten, Unternehmen und Laboratorien.
Unsere Aufgabe ist es, diese Welten miteinander zu verbinden.
Unsere Augen und Ohren
Liebe Botschafterinnen, Liebe Botschafter,
Sie sind unsere Augen und Ohren in einer Welt, deren Veränderungen immer schneller auch zu Hause ankommen.
Seien Sie neugierig.
Und bleiben Sie kritisch – auch gegenüber den eigenen Gewissheiten.
Halten Sie nicht an den Denkmustern einer Welt fest, die es so nicht mehr gibt.
Wenn sich die Welt verändert, müssen auch wir bereit sein, uns zu verändern.
Gehen Sie hinaus. Hören Sie zu.
Suchen Sie das Wissen dort, wo es entsteht.
- Erkennen Sie Veränderungen, bevor sie zu Krisen werden.
- Bauen Sie Beziehungen auf, bevor wir sie dringend brauchen.
- Und schaffen Sie Vertrauen, bevor die Krise beginnt.
Gute Diplomatie beginnt vorher.
Sie beobachtet.
Sie versteht.
Sie verbindet.
Sie bereitet vor.
«Osez anticiper!» habe ich Ihnen 2022 an der BoKo in Pontresina ausgerufen.
Aber Antizipation allein genügt nicht.
Man muss auch wissen, wohin man will.
Der Kompass
Denn wer auf See ist, kann weder den Wind noch die Wellen bestimmen.
Was er braucht, ist ein Kompass.
Und die Schweiz hat einen Kompass: ihre Verfassung.
Sie weist uns die Richtung:
Freiheit.
Sicherheit.
Wohlstand.
Unabhängigkeit.
Und den Anspruch, über unsere Zukunft selbst zu entscheiden.
Was sich verändert, ist die Welt, in der wir diese Ziele verteidigen müssen.
Deshalb darf Stabilität niemals mit Stillstand verwechselt werden.
Die Schweiz ist stabil, weil sie sich immer wieder verändern konnte, ohne sich selbst zu verlieren.
Das gilt für unsere Beziehungen zu Europa.
Für unsere Sicherheit.
Und auch für unsere Neutralität.
Neutralität bedeutet nicht Immobilität und nicht Rückzug aus der Welt.
Neutralität ist ein Instrument im Dienste unserer Freiheit, unserer Sicherheit und unserer Unabhängigkeit.
- Die Schweiz war neutral.
- Sie ist neutral.
- Und sie wird neutral bleiben.
Aber Neutralität darf uns nicht daran hindern, die Welt so zu sehen, wie sie ist.
Den Kurs bestimmen
Meine Damen und Herren,
vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle gesagt:
Unsere Mission bleibt unverändert: Veränderungen riechen, ihre Konsequenzen erkennen und sie in diplomatisches Handeln übersetzen.
Heute möchte ich einen Schritt weitergehen:
Warten Sie nicht, bis aus dem Wind ein Sturm geworden ist.
Deshalb müssen wir den Wind früh genug spüren.
Verstehen, was er mit sich bringt. Vorausschauend handeln.
Das ist Diplomatie.
Und das ist die Verantwortung eines Landes, das klein genug ist, um zu wissen, dass es die Welt nicht bestimmen kann –
aber selbstbewusst genug, um seinen eigenen Weg zu bestimmen.
Den Wind können wir nicht wählen.
Den Kurs schon.
Ich danke Ihnen.